Teure Onorevoli

Hintergründe, Vertiefungen, Streitgespräche. Gern auch über die italienische Politik!
j.l.
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Re: Teure Onorevoli

Beitrag von j.l. » Donnerstag, 28.07.2011, 20:45

@ todd
Dass ital. Politiker bessere Policies fahren als derzeit die dt. Regierung, halte ich für common knowledge.
"Common knowledge" in den Finanzzentren der Schweiz vielleicht.
Viel wichtiger - und da läuft der Hase - ist allerdings die Kooperation und Koordination innerhalb der europ. und internationaler Finanzorgs.
Aus der Sicht egoistischer Finanzjoungleure schon, wir von der realen Wirtschaft stoehnen aber unter dem idiotischen Basilea 1/2/3 mit ihrer Kennzahlenwahnsinn (gemacht fuer amerikanische Multis und wir Europaeer uebernehmen diesen Schwachsinn fuer unsere Klein.-und Mittelbetriebe) und den Spesen und Gebuehren der Kreditinstitute.

Vor Jahren hast du ja einmal geschrieben, eine moderne Gesellschaft zeichnet sich dadurch aus, dass der Anteil an Dienstleistungen sehr hoch ist, Landwirtschaft und Gueterproduktion braucht es fuer den Reichtum ja gar nicht.
Vielleicht nimmst du irgendwelche aus der Luft gegriffene Kennzahlen her, und beurteilst den Wohlstand eines Landes danach. Z.B. hat Griechenlands Industrie nur einen Anteil von 10% am griechischen Bip. Du schliesst daraus ja wohl, dass Griechenland reich ist deswegen. Fuer die meisten Wirtschaftswissenschaftler und fuer das griechische Volk ist aber entscheident, dass die Arbeitslosigkeit hoch ist, und die Mittelschicht abrutscht.
Fuer Italien heisst das, dass die Jugendarbeitslosigkeit um die 30% liegt, im Sueden sogar bis an die 60% heranreicht.

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Re: Teure Onorevoli

Beitrag von smart » Freitag, 29.07.2011, 00:30

Unsere abschweifende Diskussion zur grafischen Aufteilung habe ich mal hierhin abgetrennt:
http://forum.tiamoitalia.de/viewtopic.php?f=47&t=2694
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Re: Teure Onorevoli

Beitrag von j.l. » Samstag, 30.07.2011, 02:39

Der ganz normale Wahnsinn eines italienischen Arbeitstages:
7.ooh: Beim Zeitungholen beginnt der giornalaio ein Gespraech ueber die wirtschaftliche und soziale Sicherheit in Oe. Offensichtlich hat er Angst um seine Ersparnisse und will seine italienischen Titel umtauschen in Oe. Aktien und Anleihen. Im August faehrt er auf jeden Fall ein paar Tage nach Oe. um sich vor Ort besser zu informieren.
9.ooh: Im Gespraech mit einem Kunden, der seine schoene grosse Wohnung in einem der besten Viertel der Stadt verkaufen muss, weil er seine KInder, die studiert haben und nichts als schlechtbezahlte befristete Arbeitsvertraege ergattern, "sistemare" muss und ihnen eine Bleibe verschaffen muss. Bei 600€ Pension, nach 40 Jahren Einzahlen, und einem nicht enden wollenden (4 jahre in erster Instanz) Prozess mit ungewissen Ausgang, den ihm ein nationaler Konzern als selbstaendigen Handwerker eingebrockt hat, bleibt ihm nichts anderes uebrig als seine Ersparnisse heranzuziehen, seine grosse teure Wohnung zu verkaufen und daraus 2 bzw. 3 kleinere billigere Wohnungen zu machen. Was dieses Ehepaar ueber ueber unsere Politiker gesagt hat, moechte ich hier nicht erzaehlen.
11.00h: Beim Tanken faengt der Tankwart an, ueber die schlechte wirtschaftliche Situation der Tankstellenpaechter zu schimpfen. Am liebsten wuerde er samt Familie nach Oe. oder D., wo er seine Jugend verbracht hat, auswandern, waere da nicht sein 16 jaehriger Sohn, der ausgesprochen erfolgreich die Schule besucht, haette er es auch schon laengst getan.
12.00h: Beim einem Lieferanten: Der capo reparto gibt mir tanti auguri (darf ich das hier erwaehnen, oder wird abgetrennt weil off topic???) und erzaehlt mir, dass er im August nach Oe. faehrt zur Physiotherapie und Kontrolle, nachdem er sich voriges Jahr in Oe. operieren hat lassen (privat gezahlt und von der mutua nur einen kleinsten Teil refundiert). Danach bleibt er noch zwei Wochen in seiner Wohnung in Oe., wo er dann auch definitiv hinziehen will, sobald er in Pension geht.
14.00h: Ich entdecke ein Plakat, das informiert, dass Aiazzone wieder eroeffnet. Das nachdem Kunden und Angestellte mit Gewalt in diversen Geschaeften in die vom Liquidator verplombten Raeumen eingedrungen sind um sich wenigsten einen Teil ihrer Gehaelter bzw. ihrer Anzahlungen zurueckzuholen.
17.ooh:Aus der Buchhaltung hoere ich, dass ein Lieferant, schweineteuer aber gut, mehrere Riba doppelt ausgestellt hat. Ein eindeutiges Zeichen fuer Zahlungsschwierigkeiten, Basilea due wird auch ihn schaffen.
18.ooh: Im Regionalteil der Tageszeitung lese ich einen Artikel: Die Mercedesniederlassung will den Ausgleich schaffen, der Konkurs scheint abgewendet, 40 Arbeitsplaetze sind zunaechst einmal gesichert.
20.00h: Beim kurzen Spaziergang im Park sehen wir an die 30 Pakistani Cricket spielen, 10Jungs spielen Fussball, ein kleiner Chinese ist wohl der beste unter den aus mindestens 6 Nationen stammenden Spielern, Italiener ist keiner dabei. Unter den anderen gezaehlten 50 Leuten sind Gott sei Dank noch ein italienisches Pensionistenpaar, mit dem wir ein paar Worte wechseln.
21.00h: rainews: Die Jugendarbeitslosigkeit ist wieder gestiegen, im Sueden liegt sie schon ueber 60%.

Und dann erzaehlt todd, dass:
Viel wichtiger - und da läuft der Hase - ist allerdings die Kooperation und Koordination innerhalb der europ. und internationaler Finanzorgs.
Wenn das deine Sorgen sind, dann sehne ich einen internationalen Finanzcrack herbei, der den Leuten, die von Provisionen fuer Finanzgeschaefte leben, endlich den Boden unter den Fuessen entzieht und sie (siehe Lehmann Brothers) in die Arbeitslosigkeit entlaesst.

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Re: Teure Onorevoli

Beitrag von smart » Samstag, 30.07.2011, 02:47

j.l., den Weltuntergang und die Übernahme durch ausländische Eindringlinge sehnst du ja jetzt schon seit Jahren herbei. Wann ist es denn endlich soweit?

Nenn bitte ein Datum, dann können wir danach endlich die (ich wiederhole: willkommene) Polemik in andere Bereiche verlegen.
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Re: Teure Onorevoli

Beitrag von j.l. » Samstag, 30.07.2011, 07:56

Carissimo smart!
Kennst du mich denn schon seit Jahrzehnten? Hier in diesem blog schreibe ich erst seit max. 1,5 Jahren.
Den Weltuntergang kann ich nicht vorhersagen, allerdings kann ich feststellen, wie der wirtschaftliche und soziale Untergang Italiens, der Anfang der 90er begonnen hat, jetzt langsam seinen Hoehepunkt erreicht. Ob es dir recht ist oder nicht, von uns beiden kann da nichts gemacht werden, ausser zuzusehen und zu hoffen, dass es fuer einen selber nicht allzu schlimm kommt.
Was kommen koennte: Ausstieg aus dem Euro, Inflation und Enteignungen, Spread zwischen btp und bund auf griechischem Niveau, Wiederentdeckung und Verbreitung Nationalistischen Gedankengutes mit xenophoben Auswirkungen, Schuldner einschliesslich Staat werden von ihren Schulden per Gesetz oder Notverordnung befreit, Glaeubiger verlieren alles, usw..
Wann es kommen koennte: teilweise schon im Laufen, Zuspitzen innerhalb der naechsten 3 Jahre.
p.s.: das oben angefuehrte kommt aus dem Munde von Italienern und nicht meine Meinung.

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Re: Teure Onorevoli

Beitrag von j.l. » Samstag, 30.07.2011, 08:01

@smart
Übernahme durch ausländische Eindringlinge
Du hast es ja nicht soweit, schau dir doch endlich einmal mit dem Auto die Realitaet einer Uebernahme durch Eindriglinge an, in der Idustriezone 1, in der Via Pistoiese und um die Ikea und Metro. Dann spich weiter.

Todd

Re: Teure Onorevoli

Beitrag von Todd » Samstag, 30.07.2011, 12:04

j.l. hat geschrieben: ...
Und dann erzaehlt todd, dass:
Viel wichtiger - und da läuft der Hase - ist allerdings die Kooperation und Koordination innerhalb der europ. und internationaler Finanzorgs.
...
Eigentlich ist es aber nix anderes als das, was Du selbst wiederholt gefordert hat: Gleiche Finanzmechanismen und Wirtschaftsregeln für alle.

Ohne dass China, Russland, Cayman usw. Sonderwürste gebraten werden.


Oder zumindest der Versuch, der perfekten Marktsituation nahezukommen.


Denn freilich sind Verwerfungen, von denen Du schreibst, zu nicht unerheblichen Teilen Resultat mangelnder Durchsetzung von (z.T. inexistenten) Regeln.




j.l. hat geschrieben: ...
Wenn das deine Sorgen sind, dann sehne ich einen internationalen Finanzcrack herbei, der den Leuten, die von Provisionen fuer Finanzgeschaefte leben, endlich den Boden unter den Fuessen entzieht und sie (siehe Lehmann Brothers) in die Arbeitslosigkeit entlaesst.
Du siehst m.E. oft nicht, dass jeder sozialen oder wirtschaftlichen Handlung ein finanzieller Aspekt innewohnt, und es die Gegenüberstellung Hochfinanz-Wirtschaft gar nicht gibt.

Die Wirtschaft lebt von Profit und Provisionen für Finanzgeschäfte, schon immer.




LG

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